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September 2015: Prof. Dr. Christian Grüneberg

Prof. Dr. Christian Grüneberg
Prof. Dr. Christian Grüneberg, Foto: hsg.
Prof. Dr. Christian Grüneberg ist der Wissenschaftler des Monats September.
Er gehört zum Gründungsteam der Hochschule für Gesundheit (hsg), die im Wintersemester 2010/2011 ihren Studienbetrieb aufnahm und im August 2015 in den Neubau der hsg auf dem Gesundheitscampus in Bochum gezogen ist. An der bundesweit ersten staatlichen Hochschule für Gesundheitsberufe leitet Christian Grüneberg den Studienbereich Physiotherapie. Seit Anfang 2012 ist Christian Grüneberg zudem Dekan des Departments für Angewandte Gesundheitswissenschaft.
 
Interview mit Prof. Dr. Christian Grüneberg:
 
Warum wollten Sie Physiotherapeut werden?
Prof. Dr. Christian Grüneberg: Bewegung und etwas bewegen hat mich schon immer in meinem Leben begleitet. Ursprünglich wollte ich mal Medizin studieren. Während meines Zivildienstes hatte ich dann bei der individuellen Betreuung Schwerstbehinderter auch viel Kontakt mit Physiotherapeuten. Das waren Niederländer, die mir den Tipp gegeben haben, mir das Studium der Physiotherapie in den Niederlanden einmal anzusehen. Davon war ich begeistert. In den Niederlanden habe ich dann Physiotherapie studiert und an der Universität Amsterdam den Master-Studiengang Bewegungswissenschaften absolviert, weil mich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Fragen, wie evidenzbasierte Therapien besser in die Versorgung integriert werden können, welche Voraussetzungen und Instrumente es dafür braucht und wie ich Therapien evaluieren kann, besonders interessiert hat. Meine Promotion habe ich dann in Nimwegen und in Basel abgeschlossen.
 
Was hat Sie bewogen als Wissenschaftler und Physiotherapeut aus den Niederlanden nach Deutschland zurückzukommen, um hier in Bochum den Studienbereich Physiotherapie und später als Dekan das Department für Angewandte Wissenschaften der Hochschule für Gesundheit (hsg) aufzubauen? 
Gelockt hat mich - mit Blick auf die hsg im Jahr 2009 - die Möglichkeit, in Deutschland an einer staatlichen Hochschule primärqualifizierende Modellstudiengänge in der Physiotherapie und in den Therapieberufe flächendeckend nach internationalen Standards aufzubauen und so die Akademisierung in den Gesundheitsberufen voranzutreiben. Schließlich war ich schon vorher an einer anderen Hochschule interdisziplinär tätig und habe dort den Masterstudiengang Therapiewissenschaften entwickelt. Geprägt durch die Erfahrungen aus den Niederlanden und der Schweiz ist es mir sehr wichtig, dass sich Studierende vom ersten Tag an mit der Frage der Reflexion ihres Handels auseinandersetzen und auch entsprechende Methoden an die Hand bekommen.  Der Standort hsg bietet diesbezüglich hervorragende Voraussetzungen. Die Investitionen der Landesregierung in die Akademisierung der Gesundheitsberufe und in die hsg haben wir aus meiner Sicht beispielhaft umgesetzt. Wir sehen ja auch, wie andere Standorte nach und nach entwickelt werden und sich andere Bundesländer an NRW und uns orientieren.
 
Sie wechselten an Deutschlands erste staatliche Hochschule für Gesundheit, Sie gehörten zum Gründungsteam und haben die hsg mitaufgebaut, Kärnerarbeit geleistet – in einem politischen Umfeld in Nordrhein-Westfalen, welches die Akademisierung der Gesundheitsberufe vorantreiben wollte – das klingt wie ein Paradies. Welche einschränkenden Rahmenbedingungen gab es beim Aufbau dann wirklich?
Die prägendste Hürde, die wir nehmen mussten, war die Aufgabe, die berufsgesetzlichen Vorgaben für die Gesundheitsberufe in Deutschland mit einem Hochschulstudium zu vereinen. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die Gesundheitsberufe Ergotherapie, Hebammenkunde, Logopädie, Pflege und Physiotherapie, die wir seit fünf Jahren an der hsg als Studium anbieten, zuvor Ausbildungsberufe waren. Dies haben wir zwar hervorragend gemeistert, aber dennoch müssen die Berufsgesetze aus unserer Sicht zwingend im Zuge der Evaluation der Modellstudiengänge 2017 neu überdacht werden. Wir haben im Team des Departments für Angewandte Gesundheitswissenschaften in dieser Frage eine großartige Arbeit geleistet und auch der Politik genügend Denkansätze gegeben, welche Veränderungen notwendig und möglich sind. Sehr stolz bin ich darauf, dass diese Vorschläge teilweise schon in Gesetzesvorlagen sichtbar sind. Am Ziel sind wir hier aber lange noch nicht. Wir hoffen sehr, dass die berufsrechtlichen Rahmenvorgaben weiter innovativer ausgestaltet werden können.
 
Die fünf grundständigen Bachelor-Studiengänge Ergotherapie, Hebammenkunde, Logopädie, Pflege und Physiotherapie, die im Department vereint sind, werden seit dem Wintersemester 2010/2011 an der hsg angeboten. Sie feiern jetzt fünfjähriges Bestehen. Wo steht die Akademisierung der Physiotherapie im internationalen Vergleich heute?
In den letzten zehn Jahren hat sich wahnsinnig viel getan. Die Hochschulen haben die Profilbildung vorangetrieben. In der Physiotherapie gab es viel mehr Forschungsaktivitäten und das Fach wird international wahrgenommen. Entwicklungspotential sehe ich noch bei den Studien. Wir benötigen größere Multicenterstudien im ambulanten und stationären Bereich (Das sind klinische Studien, die in mehreren klinischen Zentren, wie beispielsweise Krankenhäusern, von unterschiedlichen Untersuchern durchgeführt werden – Anmerk. der Red.) , insbesondere unter Berücksichtigung aktivierender Therapie. Unterstützende, assistive Verfahren und Technologien werden eine größere Bedeutung haben. Aktuell arbeiten wir in einem Forschungsprojekt mit einer Firma an einer App-Entwicklung, die den Therapeuten und dem Patienten bei der Befundung und dem Aufstellen des Behandlungsplans sowie der Ergebnismessung unterstützt. Ziel soll es sein, da, wo es möglich und notwendig ist, leitliniengestützte Prozesse zu unterstützen und den Prozess von der Planung bis hin zur Ergebnisdarstellung für den Patienten, den Therapeuten und anderen Dienstleistern im Gesundheitswesen zu optimieren. Wir haben in den letzten Jahren unter anderem auch wichtige Ergebnisse aus unserem Forschungsschwerpunkt ‘Mobilität im Alter‘ mit in die App integriert. So helfen beispielsweise Technologien, Therapien und das Monitoring zu optimieren und - nach etwas Übung -  auch die Therapiezeit zu kürzen.  Die Stärke der physiotherapeutischen Versorgung ist und bleibt der individuelle Bezug zum Patienten oder zum Kunden und zu seinen Bewegungsproblemen im Alltag. Physiotherapeuten arbeiten als ‚Gesundheitscoach‘ in der Therapie, aber auch der Bezug zur Prävention wird eine noch größere Bedeutung bekommen. 
 
Ihre Prognose: Sitzt der Therapeut in 20 Jahren viel länger am Rechner als heute?
Nein, das glaube ich nicht. Uns ist es wichtig, dass der Patient im Mittelpunkt steht und die Technologien die Interaktion zwischen Patient und Therapeut positiv unterstützen. Die Technik ist ein Hilfsmittel. Sie kann Prozesse erleichtern und Teilprozesse können wegfallen. Aber die Bedeutung dieser Interaktion gerade im Bereich der Bewegung und Mobilität wird bleiben. Physiotherapeuten setzten sich ja nicht ausschließlich mit dem Bewegungsapparat auseinander, sondern setzen Bewegungsprobleme auch in Beziehung zu kardiovaskulären (kurz Herz und Gefäße betreffend) und kardio-respiratorischen (kurz Herz und Lunge) und zu neurologischen Aspekten, also dem Nervensystem. All diese Aspekte haben Einfluss auf die Bewegung und Mobilität.
 
Zurück zu Ihrer 5-Jahres-Bilanz: Worauf sind Sie fachlich besonders stolz?
Ich bin besonders darauf stolz, dass die Kollegen im Department und in den Studienbereichen neben der ressourcenintensiven Aufbauzeit nach und nach bereits vereinzelte Schwerpunkte und Profile weiterentwickelt haben.  Persönlich freue ich mich darüber, dass wir in der Physiotherapie den Schwerpunkt ‚Mobilität im Alter‘ unter besonderer Berücksichtigung von ‚Fraility‘, manchmal auch als Gebrechlichkeits-Syndrom bezeichnet, weiter aufbauen und etablieren konnten. Aktuell werden diese Arbeiten verstärkt durch nationale und internationale Publikationen honoriert. Wir sehen zudem deutliche Erfolge bei der Bewilligung von Forschungsanträgen. In einer Aufbauphase einer Hochschule ist das eine besondere Herausforderung – gerade in Kombination mit vielen neuen Kollegen in einer für Deutschland ja noch sehr jungen akademischen Tradition. Wir haben hier schon viel erreicht, aber wir suchen natürlich für weitere  Bereiche nach wie vor Persönlichkeiten mit sehr viel Erfahrungen in der Praxis und der Lehre sowie mit hoher wissenschaftlicher Aktivität, die große Summen an Drittmitteln eingeworben haben. Insgesamt benötigen wir an Fachhochschulen noch mehr Flexibilität für neue Strukturen. Hier werden wir uns weiterentwickeln, aber auch weiterentwickeln müssen. Erste wichtige Elemente sind z. B. Promotionsvorhaben, die an der hsg und an anderen Fachhochschulen in unterschiedlichen Kooperationen anlaufen und angelaufen sind. Dies muss noch weiter intensiviert werden, erfreulicherweise gibt es dazu weitere positive Entwicklungen.
 
Wie verwirklichen Sie den internationalen Anspruch, den die Forschung und die Weiterentwicklung des Studienbereichs benötigt und den Sie selbst an Ihre Arbeit stellen?
Für mich persönlich und für meine Kollegen sind die Publikationen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften mit u.a. unseren Themen ‚Mobilität im Alter‘ und ‚Assessments in der Therapie und in Prävention und Gesundheitsförderung‘ sehr wichtig. Weiterhin steht in diesem Zusammenhang die Kooperation mit nationalen und internationalen Hochschulen sowie der Gesundheitswirtschaft ganz oben auf der Prioritätenliste. Wir können als Department von unseren Partnern noch eine Menge lernen.  Als Dekan möchte ich auf den Weg bringen, wie wir internationale Experten zeitweise als Gastprofessoren stärker integrieren und längerfristig an die hsg binden können. Seitens des Studiengangs ist die internationale Vernetzung mit anderen Hochschulen durch Netzwerke und durch unserer Bachelor-und Masterstudiengänge weiterhin wichtig.
 
Wie verzahnen Sie das Studium und die Lehre mit der Forschung im Studienbereich Physiotherapie?
Durch die interprofessionelle Lehre an der hsg passiert das gleich zu Beginn. In den interprofessionellen Veranstaltungen werden Forschungsmethoden und wissenschaftliches Arbeiten sowie evidenzbasierte Praxis gelehrt. Sehr früh beginnen die Studierenden dann mit dem forschenden Lernen. Wir haben dies zum Beispiel im Studienbereich Physiotherapie als Schwerpunkt auf Projektebene umgesetzt. Die Studierenden werden im fünften und im siebten Semester in Forschungsprojekte, die die Professoren durchführen, integriert und erhalten Teilfragen daraus, die sie selbst beantworten müssen. Anschließend haben sie die Ergebnisse zu präsentieren. Die Studierenden werden in die Projekte eingebunden. Sehr stolz bin ich auch darauf, dass wir nun schon das zweite Jahr hintereinander, also seit wir die ersten Bachelor-Arbeiten an der hsg haben, den ersten Preis des ifk-Wissenschaftspreis in der Bachelor-Kategorie erhalten haben. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.
 
Wissenschaftler in den Gesundheitsberufen sind aktuell heiß umkämpft. Wie werben Sie für Ihren Standort?
Wir haben für die Primärqualifizierung der Gesundheitsberufe an der hsg in Bochum ein wirklich tolles Modell. Die Voraussetzungen – mit der Lehr- und Forschungsambulanz in den Räumlichkeiten des Neubaus der hsg – sind vorbildlich und machen ein aktivierendes und kooperierendes Lernen mit den Studierenden möglich – praxisnah durch die Praxisräume, aber auch durch die Integration von Patienten mit einer hohen praxisbezogenen Wissenschaft. Die Bedingungen sind optimal, um z.B. die Problematik „Wie bekomme ich die Wissenschaft in die Praxis?“ ideal umzusetzen. Dabei ist der Gesundheitscampus für uns ein großer Standortvorteil.
 
*Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird in diesem Text der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.
 
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